Merkels KI Masterplan

Zunächst die gute Nachricht: die Bundesregierung wird in den kommenden sechs Jahren insgesamt drei Milliarden Euro bereitstellen, um Deutschland (wieder) unter die führenden Nationen für Künstliche Intelligenz zu bringen. Die Tatsache, dass ein ganzes Bundeskabinett sich zwei Tage für eine Klausurtagung gönnt, um eine Deutsche KI-Strategie zu verabschieden, zeigt eindrücklich, dass die Politik die ökonomische Bedeutung von KI verstanden hat. Und Bitkom Präsident Achim Berg übertreibt sicher nicht, wenn er den potentiellen Einfluss von KI auf unsere Gesellschaft mit den bahnbrechenden Erfindungen von Dampfmaschine und Rad vergleicht.


Einerseits mutig, andererseits lückenhaft

Jetzt die schlechte: Mobiles Bezahlen, flächendeckendes (mobiles) Internet, E-Mobilität und Smart City – in so ziemlich allen Disziplinen einer modernen, digitalen Gesellschaft hängt Deutschland hinterher. „Deutschland ist im Vergleich zu den USA und China bei der Anzahl von neu gegründeten KI-Unternehmen nicht gut aufgestellt“, stellt das Handelsblatt fest. Die Investitionen, immerhin 500 Mio. Euro im Jahr, erscheinen denn auch mutlos, wenn wir sie auf die Digitalisierung selbst beziehen wollen. Und wichtige Inhalte fehlen in dem 78 Seiten starken Maßnahmenplan des Kabinetts.

Kurz & verständlich: was die Regierung plant

Als Vorsitzender des Arbeitskreises "Artificial Intelligence" - Europas größtem Digitalverband Bitkom - konnte ich den KI-Masterplan mit meinen Mitstreitern von SAP, IBM, Accenture oder PwC bewerten und auch umfangreich kommentieren. Insofern kann ich bestätigen: das BMWI hat sich Mühe gegeben, sämtliche Stakeholder aktiv an der Bewertung von Maßnahmen teil haben zu lassen. Und eine ganze Reihe von Konkretisierungen wurden übernommen. Im Einzelnen:

 

  • 100 neue Professuren (mit industrienaher Ausrichtung) schaffen
  • Aufbau eines KI Observatoriums um die Technikfolgenabschätzung fördern
  • 50 Referenzprojekte ("Leuchttürme") im Bereich Umwelt und Klima realisieren
  • KI nach „europäischen Wertmaßstäben“ ausbauen (Bürgerschutz, Datensicherheit)
  • Internationalen Austausch über "KI in der Arbeitswelt" anstoßen

Die Suche nach einer "operativen Infrastruktur"

"100 zusätzliche KI-Professuren sind ein starkes Signal, dass Deutschland den Wettbewerb um die klügsten Köpfe aufnimmt", kommentiert Achim Berg. Mit Forschung und Bildung alleine ist es aber nicht getan. Wie halten wir die Experten im Land? Wie können wir das Potential von KI nutzen, um längst überfällige Impulse für den „Digitalen Staat“ und seine Verwaltung zu realisieren? Grundlagenforschung alleine wird Deutschland nicht zum Status einer führenden KI-Nation entwickeln. Diese Fragen bleiben offen:

 

    1. Wie kann eine "treuhänderisch" realisierte, operativ nutzbare Daten-Infrastruktur realisiert werden, die den Weg zu marktfähigen Produkten und Services ebnet? Und wie können Anreize geschaffen werden für einen Austausch von Daten & Analysen?
    2. Wie können bereits bestehende lokale Digital-Hubs in den Masterplan einbezogen werden? Es wäre fatal, bereits entstandene, lokale Netzwerke bei den Planungen zu ignorieren.
    3. Wie kann insbesondere die Öffentliche Verwaltung auf dem Weg in die Digitalisierung – insbesondere zur Nutzung von KI – gebracht werden?

 

Unklare regulatorische Rahmenbedingungen

Ich denke: wir müssen schleunigst für einen gesellschaftlichen Austausch und für Aufklärung darüber sorgen, in welchen Zukunftsthemen KI eine zentrale Rolle spielt: in den intelligenten Stromnetzen der Zukunft, bei der Lösung unserer ökologischen Herausforderungen (vernetzte Mobilität), bei der Verbesserung von Medizin und Pflege – um nur einige zu nennen. Die Bürger verstehen zu wenig von KI, als dass sie die Bedeutung der jetzt veröffentlichten Strategie tatsächlich nachvollziehen könnten.

Es fehlt ein regulatorischer Rahmen. Schön, dass Apple CEO Cook die DSGVO lobt als "Vorbild für eine weltweit verbindliche Datenschutzverordnung". Aber sie hemmt Unternehmen darin, in Richtung KI und BigData Mut zu fassen und Entscheidungen zu treffen. Und wir müssen dafür sorgen, dass neben der Bildungs- und Forschungsoffensive auch marktfähige Produkte und Services entstehen. Sonst bleibt alles beim alten: die klugen Köpfe wandern ins Silicon Valley, weil sie hier auf eine finanzielle Infrastruktur treffen, in der sie schneller Fahrt aufnehmen können als in Germany. In diesen Punkten bleibt die KI Strategie nicht nur vage, sondern sie enttäuscht.

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