Digitalisierung: Utopie oder Dystopie?

utopie-dystopieDerzeit diskutieren zahlreiche Köpfe der Industrie über die Auswirkungen der vierten industriellen Revolution, mit der eine deutliche Automatisierung im Bereich Produktion und ausführende Arbeiten im Allgemeinen einhergeht.

MIT-Forscher Andrew McAffee ist sich sicher: Der allgemeine Wohlstand wird langfristig steigen, aber der Weg dorthin könnte steinig werden. Im Gespräch mit Netzökonom führt der Internet-Pionier weiterhin aus: „Viele Arbeitnehmer werden das Tempo der Digitalisierung nicht mitgehen können – sie werden zurückbleiben. Das ist ein ernstes Problem und damit müssen wir uns beschäftigen. Aber die Reaktion kann nicht sein, die technische Entwicklung zu stoppen. Sie kann nicht gestoppt werden.“

Die Eigendynamik des Fortschritts

In der Tat vertreten viele kluge Köpfe die Auffassung, dass Forschung und Fortschritt ähnlich einem Naturgesetz funktionieren. Das heißt jedoch nicht, dass wir unserer Neugier und unserem Drang nach permanenter technologischer Weiterentwicklung willenlos ausgeliefert sind. Wir können Verantwortung übernehmen und dafür sorgen, dass der Fortschritt möglichst vielen Menschen zugute kommt. McAffee ist überzeugt davon, dass exakt dies passieren wird. Er wisse zwar nicht wie sich die Gesellschaft organisieren werde, wenn nur noch wenige extrem gut ausgebildete Fachkräfte benötigt werden, aber eines sei sicher – um ihren Lebensinhalt müssten sich die Menschen keine Sorgen mehr machen. Auch Zukunftsforscher Johannes Kleske resümierte in seiner re:publica 2013 Rede: „Wenn unsere Arbeit heute maschineller wird, können wir sie morgen menschlicher machen.“

Politische Steuerung oder Selbstregulation?

Die FAZ Autoren Constanze Kurz und Frank Rieger sehen zwar ebenfalls utopisches Potential in der Digitalisierung, mahnen aber in ihrem gemeinsamen Buch „Arbeitsfrei“ an, man dürfe die Entwicklungen nicht der Selbstregulation durch Marktmechanismen überlassen, sonst steuere man auf eine „hässliche Dystopie“ zu. Dazu sei es vonnöten, dass die Politik eine aktive Rolle in der Gestaltung der Zukunft übernehme. Einzelne Politiker aus verschiedenen Fraktionen haben die Notwendigkeit erkannt. So sprach der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Sören Bartol kürzlich von einer „Zeitenwende“, forderte als Reaktion darauf einen „digitalen Ruck“ in Deutschland und sprach damit Wirtschaft und Politik gleichermaßen an. Der IT-Verband Bitkom warnt derweil vor zu starken Regulierungen und sieht darin ein Hemmnis in der internationalen Konkurrenzfähigkeit. Speziell der Fall Uber erhitzt in diesem Zusammenhang die Gemüter. Wurde hier seitens der deutschen Justiz verantwortlich gelenkt oder eine Innovation gebremst? Die Frage nach angemessenen Rahmenbedingungen in der Digitalisierung wird uns jedenfalls noch lange beschäftigen.

Vertrauenswürdigkeit als Schlüsseleigenschaft

Eines zeigt die Debatte aber auch – disruptive Start-Ups genießen gerade hierzulande kein großes Vertrauen. Im Bezug auf Uber ist das sicherlich nachvollziehbar, an anderer Stelle haben wir es wiederum mit irrationalen Vorbehalten zu tun. Erfreulicherweise haben viele Jungunternehmer erkannt, dass Offenheit und ein unmittelbar nachvollziehbarer Nutzwert der Schlüssel zum Vertrauen der Konsumenten ist. Geschäftsbeziehungen werden zunehmend von beidseitiger Transparenz geprägt sein. Wer Motive verschleiert, Prozesse versteckt, unlautere Praktiken diskutiert und dann dabei ertappt wird, kann lediglich auf technischer Seite als Pionier anerkannt werden. Wenn die Digitalisierung wirklich Wohlstand für alle Menschen schaffen soll, dann brauchen wir auch Pioniere im Geiste.

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